Die fundamentale Rolle der Chemie bei der elektrokatalytischen Wasserspaltung

18. November 2020

Der Übergang zu einer nachhaltigen Energiewirtschaft erfordert elektrokatalytische Methoden zur Umwandlung und Speicherung elektrischer Energie in und zu chemischer Energie und Rohstoffen. Ein Forschungsteam der TU Berlin, der ETH Zürich, des Nationalen Forschungsrats Italiens unter der Leitung des FHI hat nun fundamental neue Aspekte des Reaktionsmechanismus eines der wichtigsten elektrokatalytischen Prozesse aufgedeckt, der Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion. Die Ergebnisse sind in Nature veröffentlicht.

Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion.

Die elektrokatalytische Sauerstoffentwicklung, d.h. die reaktive Umwandlung von Wassermolekülen in Sauerstoff, Protonen und Elektronen, ist ein elektrochemischer Schlüsselprozess beim Übergang zu einer auf erneuerbarer Elektrizität basierenden Energiewirtschaft. Denn mit zunehmendem Anteil volatiler erneuerbarer Energiequellen (wie Wind- und Sonnenenergie) werden Energiespeicherlösungen benötigt, um intermittierende Leistungsschwankungen aufzufangen und eine zuverlässige Energieversorgung zu gewährleisten. Einer der flexibelsten Lösungen dieses Problems ist die Umwandlung und Speicherung von elektrischer Energie in chemische Brennstoffe mittels Protonen und Elektronen, da chemische Brennstoffe viel Energie speichern und dort eingesetzt werden können, wo und wann sie benötigt werden. Bei diesem Ansatz gab es bisher jedoch eine große Hürde, und zwar die Identifizierung von Elektrokatalysatoren für die Umwandlung von Wasser in molekularen Sauerstoff – die Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion –, die die Protonen und Elektronen für die Herstellung dieser Brennstoffe liefert. Bei den Bemühungen um die Entwicklung verbesserter Elektrokatalysatoren gehen Experten seit langem davon aus, dass die elektrokatalytische Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion anhand einer in Lehrbüchern fest etablierten, über viele Jahrzehnte entwickelten Standardtheorie nicht-katalytischer Elektronentransferreaktionen verstanden werden kann. Ein Forschungsteam, das unter anderem aus Mitgliedern der Abteilungen Anorganische Chemie und Grenzflächenwissenschaft des Fritz-Haber-Instituts besteht, beschloss, diese Annahme zu überprüfen. Überraschenderweise stellten die Wissenschaftler*innen fest, dass die elektrochemische Katalyse der Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion tatsächlich einer traditionellen thermochemischen Katalyse viel ähnlicher ist als bisher angenommen. Diese Erkenntnis ermöglicht es, dass Werkzeuge und Konzepte aus der thermochemischen Katalyse zum ersten Mal auf ihre elektrochemischen Gegenstücke angewendet werden können.

"Es ist wichtig zu verstehen, wie Elektrokatalysatoren auf der fundamentalsten Ebene funktionieren, denn nur so lassen sie sich in der Zukunft verbessern. Uns wurde immer klarer, dass das traditionelle Bild dessen, was elektrokatalytische Reaktionen antreibt, unvollständig ist", erklärt Peter Strasser, einer der Ko-Autor*innen von der Technischen Universität Berlin. Er fügt hinzu: "Forscher*innen gehen typischerweise davon aus, dass die Reaktion der Sauerstoffentwicklung durch die direkte Wirkung des elektrischen Potenzials auf die Reaktionskoordinate gesteuert wird. Das ist eine ganz andere Vorstellung als bei der thermochemischen Katalyse, bei der die chemische Bindungsherstellung und -auflösung durch die Oberflächenchemie gesteuert wird".

In einer in Nature veröffentlichten Studie berichtet das Team, wie eine der erfolgreichsten Klassen von Katalysatoren für die Sauerstoffentwicklung, die Iridiumoxide, funktioniert. Sie führten bei BESSY II in Berlin und Petra III in Hamburg synchrotronbasierte operando-Röntgenspektroskopie durch, um zu untersuchen, wie sich Iridiumoxide während der elektrokatalytischen Sauerstoffentwicklung verhalten. Mit diesen Experimenten konnten sie gleichzeitig das elektrische Potential und die Oberflächenchemie beobachten. Mit dem aus diesen Experimenten gewonnenen Wissen haben sie Modelle der Katalysatoroberflächen im atomaren Maßstab gebaut, die in quantenmechanischen Simulationen der Reaktion im Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart verwendet wurden. "Die Simulationen zeigten in Übereinstimmung mit den Messungen, dass die Reaktionsgeschwindigkeit exponentiell von der Oberflächenbedeckung der oxidativen Ladung abhängt", sagt Travis Jones vom Fritz-Haber-Institut. "Die Simulationen erfassten auch die Änderung der Tafelneigung, ein Schlüsselmerkmal von Iridiumoxid, und führten sie auf eine Änderung darauf zurück, wie die oxidative Ladung auf das elektrische Potential reagiert; und eben nicht, wie bisher angenommen, auf eine Änderung des molekularen Reaktionsmechanismus", erklärt Simone Piccinin, eine der Ko-Autor*innen des Nationalen Forschungsrats von Triest, Italien. Diese Untersuchungen bewegten die Forscher zu der Vermutung, dass die Reaktion durch die Oberflächenchemie und nicht durch das direkt auf die Reaktionskoordination einwirkende Potenzial gesteuert wird. Durch die Entwicklung einer laborgestützten Methode zur Quantifizierung der Ladungsakkumulation war das Team in der Lage, eine Reihe von Materialien zu untersuchen, und stellte fest, dass sie alle dasselbe Verhalten zeigten. Detre Teschner vom Fritz-Haber-Institut erklärt dies: "Es zeigte sich, dass die Rolle des Potenzials darin bestand, die Oberfläche zu oxidieren, und dass die durch diese Oxidation akkumulierte Ladung die Reaktionsgeschwindigkeit steuerte, ähnlich wie bei der thermischen Katalyse.“

Nachdem sie gesehen hatten, dass die Ladung die elektrokatalytische Rate zu vermitteln schien, begaben sich die Forscher*innen auf die Suche nach einer Möglichkeit, die Katalysatorladung unabhängig vom Potenzial zu kontrollieren, um ihre Ergebnisse zu testen. "Wir brauchten einen chemischen Weg, um zu verändern, wie viel Ladung die Katalysatoren speichern können. Uns wurde schnell klar, dass wir das tun konnten, indem wir einen Teil des Sauerstoffs auf der Oberfläche durch Chlor ersetzen, da Chlor nicht oxidiert werden kann, um zusätzliche Ladung zu speichern", sagt Javier Pérez-Ramírez von der ETH Zürich. Das Zürcher Team nutzte sein Fachwissen in der Halogenchemie, um eine Reihe von Katalysatoren mit unterschiedlichen Chlormengen herzustellen. Wie erwartet, variierte die Ladung, die die Katalysatoren speichern konnten, mit der Menge des darauf befindlichen Chlors. Elektrokatalytische Tests dieser neuen Materialien verifizierten ihr Verhalten in der Sauerstoff-Entwicklungs-Reaktion und stimmten mit den Vorhersagen des Teams überein. "Zu sehen, wie die Veränderung der Fähigkeit eines Katalysators, Ladung zu speichern, seine katalytische Aktivität vorhersagbar veränderte, gab uns Vertrauen in die Ergebnisse. Wir gehen davon aus, dass dieses Ergebnis auf eine riesige Klasse von Elektrokatalysatoren zutreffen wird, und wir planen, dieses neue Wissen zu nutzen, um neue Materialien zu entwerfen und zu testen", sagt Travis Jones vom Fritz-Haber-Institut.

 

 

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