Experte für indonesische Linguistik
 

6. Dezember 2021

Waruno Mahdi weiß gar nicht, wo er mit dem Erzählen anfangen soll, so viel hat er zu berichten.
Allein das Leben des 78jährigen Indonesiers ist schon filmreif, doch gerade wird sein jahrzehntelanges sprachwissenschaftliches Wirken mit einer zweibändigen Sonderausgabe des „Journal of the Humanities of Indonesia“ in seinem Heimatland gewürdigt. Wenn man ihm – verschmitzt lächelnd und wild gestikulierend – genau zuhört, merkt man, wie sehr seine sprach- und kulturwissenschaftlichen Studien mit seinem ereignisreichen Leben zusammenhängen.
 

Waruno Mahdi mit der Sonderausgabe des "Journals of the Humanities of Indonesia".

Schon als Kind lebte der Diplomatensohn außerhalb von Indonesien, sein Vater war in Peking und Moskau tätig. Während seines Chemiestudiums in Moskau wurde Waruno Mahdis indonesischer Pass 1965 aus politischen Gründen annulliert, und er konnte nicht wieder in seine Heimat zurückkehren. Aber auch in der Sowjetunion passte er nicht ins politische System und lebte, isoliert von anderen Landsleuten, im zentralrussischen Woronesch. 1977 gelang ihm auf spektakuläre Art eine Flucht nach West-Berlin, indem er eine Lücke in der Passkontrolle am Berliner Bahnhof Zoo ausnutzen konnte. Ein Jahr später erhielt der Chemietechniker eine Anstellung als Techniker am Fritz-Haber-Institut – er konnte beim Bewerbungsverfahren durch seine in Russland erworbenen Spezialkenntnisse über Behandlung von luftempfindlichen Verbindungen überzeugen. Hier war er dann über 30 Jahre tätig, und selbst nach seiner Pensionierung 2009 arbeitet er noch als Geringfügig Beschäftigter weiter als Assistent in „seiner“ Abteilung, der Physikalischen Chemie, und hilft bis heute bei Webseitengestaltung und im Bildarchiv. Im Jahr 2000, im Alter von 57 Jahren, erhielt er übrigens die deutsche Staatsbürgerschaft.

Das Leben außerhalb Indonesiens machte Waruno Mahdi sensibel für Sprache und Kultur seines Heimatlandes. Bereits während seiner Zeit in der Sowjetunion fand er zahlreiche Besonderheiten in einem malagassisch-russischen Wörterbuch, die er in aufwändiger Detailarbeit analysierte. Es folgten zahlreiche Vorträge, Aufsätze und Bücher über die Entwicklungen des südostasiatischen Sprachraums, bspw. an der niederländischen Universität Leiden. Dabei untersuchte er sprachliche Besonderheiten der malaysischen Sprache und verglich sie mit verwandten Sprachen wie z.B. Madagassisch oder Polynesisch. Daraus zog er Rückschlüsse über Wanderungsbewegungen der einzelnen Volksgruppen und deren sozialer und kultureller Entwicklungen. Auch die Begegnungen mit europäischen Sprachkulturen analysierte er eingehend, zum Beispiel, wie die indonesischen Wörter „Amok“, „Dschunke“, „Kakadu“, „Orang-Utan“ und „Rattan“ Eingang in die deutsche Sprache fanden.

Eine sprachwissenschaftliche Doktorarbeit musste Waruno Mahdi aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, eine klassische wissenschaftliche Karriere blieb ihm so verwehrt. Dennoch stand er zahlreichen jungen Anthropologen und Linguisten mit wertvollen Hinweisen und Ratschlägen zur Seite. Auch FHI-Direktor Prof. Dr. Gerhard Ertl erkannte die Originalität der linguistischen Studien seines Mitarbeiters und ließ ihm hierfür den nötigen Freiraum.

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