Elternschaft in der Wissenschaft: Fürsorge, Karriere und strukturelle Ungleichheit
Als gemeinsame Initiative der fünf Max-Planck-Institute in Berlin fand am 30. Juni am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft ein Workshop zum oft vernachlässigten Thema „Elternschaft in der Wissenschaft“ statt. Der Workshop bot Raum für kritische Reflexion darüber, wie Elternschaft, Kinderwunsch und unbezahlte Betreuungsarbeit akademische Karrieren, die Arbeitskultur und selbst die Wissensproduktion prägen.
Früher oder später stehen viele Wissenschaftler vor der Entscheidung, ob sie Eltern werden, auch unter dem Einfluss persönlicher Wünsche, gesellschaftlicher Normen und struktureller Zwänge. Dennoch ist es in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Herausforderung, Kinder und Karriere in Einklang zu bringen – insbesondere für Frauen und vor allem in den berufsentscheidenden Jahren, in denen die Familienplanung oft zu einem dringenden Thema wird. Die Problematik ist unabhängig vom konkreten Beruf spürbar, im akademischen Bereich jedoch ist die Situation besonders brisant. Familiengründung und akademische Karriere scheinen oft unvereinbar zu sein oder sich zumindest erheblich gegenseitig zu behindern. Obwohl dieses Thema für die Betroffenen von höchster Relevanz ist, wird es immer noch viel zu selten diskutiert. Der Workshop „Elternschaft in der Wissenschaft: Betreuung, Karriere und strukturelle Ungleichheit“ wurde daher konzipiert, um Eltern – und allen, die Eltern werden möchten oder mit der Entscheidung hadern – einen Rahmen zu bieten, in dem sie Informationen finden, sich mit dem Thema auseinandersetzen und persönliche Erfahrungen austauschen können.
“Eines Morgens wachte ich früher auf als meine Kinder – ein seltener Moment im Leben einer Mutter mit zwei kleinen Kindern – und als ich dann allein auf dem Balkon saß, kam mir der Gedanke: Ich kann unmöglich die Einzige sein, die Schwierigkeiten hat, eine wissenschaftliche Karriere mit dem Muttersein unter einen Hut zu bringen.” – Mit diesen Worten eröffnete Dr. Lena Eckert den Vormittagsteil des Workshops. Dr. Eckert, Soziologin, Genderforscherin und Gründerin des Netzwerks „Mutterschaft und Wissenschaft“, hielt einen Vortrag zum Thema „Elternschaft in der Wissenschaft: Betreuung, Karriere und strukturelle Ungleichheit“. Sie ging auf aktuelle Daten zu Elternschaft und akademischer Laufbahn, strukturelle Ungleichheiten sowie mögliche Strategien für Veränderungen und Empowerment ein.
Dr. Eckert wies darauf hin, dass Frauen in akademischen Führungspositionen stark unterrepräsentiert sind, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass sie einen überproportionalen Anteil an der Betreuungsarbeit tragen, sei es bei der Betreuung ihrer eigenen Kinder oder von Angehörigen, was oft auf Kosten ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit, ihrer Produktivität und letztlich ihres beruflichen Aufstiegs geht. Dies führt nicht nur zur zahlenmäßigen Ungleichheit von Frauen, die sich eindeutig quantifizieren lässt, sondern auch zu weniger sichtbaren, subtileren Formen der Benachteiligung. In diesem Zusammenhang verwies Dr. Eckert auf die „Standpunktperspektive“: Fragen werden, in der Wissenschaft ebenso wie in der übrigen Gesellschaft, stets aus bestimmten Blickwinkeln gestellt. Die Debattenkultur und die Formulierung von Forschungsfragen werden verzerrt, wenn sie nicht von einem repräsentativen Querschnitt unserer Gesellschaft, sondern nur von einem ausgewählten Teil davon bestimmt werden. Dr. Eckert beschrieb die wichtigsten Hürden, denen Eltern – ob Männer oder Frauen – im akademischen Bereich begegnen, und nannte einige Beispiele dafür, wie bestimmte Probleme in anderen Ländern effektiver angegangen werden. Am Ende ihres Vortrags skizzierte sie Ideen und Vorschläge zur Bewältigung dieser Probleme: eine gerechtere Verteilung der Betreuungsarbeit und deren Loslösung vom Frausein, eine deutlich stärkere Anerkennung von Betreuungsarbeit – sowohl für Frauen als auch für Männer – und schließlich eine stärkere institutionelle Unterstützung sowie ein größeres Bewusstsein für familienbezogene Themen in der Forschung.
Am Nachmittag waren die Teilnehmenden zu einem praktischen Workshopformat mit dem Titel „(Der Wunsch nach) Kindern und Wissenschaft – Raum zum Nachdenken für Wissenschaftler“ eingeladen. Dieses bot Eltern sowie denen, die planen, Eltern zu werden, die Gelegenheit, ihre persönlichen Erfahrungen auszutauschen. Auf der Agenda stand die gemeinsame Analyse der strukturellen Rahmenbedingungen rund um Elternschaft und Familienfragen im akademischen Umfeld sowie eine angeleitete Reflexion über die persönlichen Wünsche und Entscheidungen der Teilnehmenden. Dieser solidarische Austausch unter Gleichgesinnten sollte das Thema bewusst machen, mit Gleichgesinnten zu netzwerken und letztlich die Teilnehmenden durch den Austausch persönlicher Erfahrungen zu stärken.
Der Workshop „Elternschaft in der Wissenschaft“ war eine gemeinsame Initiative der Gleichstellungsbeauftragten der fünf Max-Planck-Institute (MPI) in Berlin: des Fritz-Haber-Instituts, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, des Max-Planck-Instituts für Molekulargenetik, des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie sowie der International Max Planck Research School for Elementary Processes in Physical Chemistry (IMPRS-EPPC). Durch diese institutsübergreifende Zusammenarbeit schufen die Organisatoren eine Plattform für den Dialog und die kritische Auseinandersetzung mit den strukturellen Herausforderungen, die Elternschaft und Betreuungsaufgaben im akademischen Umfeld mit sich bringen, und förderten gleichzeitig den Austausch und die Vernetzung innerhalb der Berliner Max-Planck-Gemeinschaft.














